Coffee Honduras Stories

Verliebt in die Finca El Puente | Honduras

elbgold "Honduras El Puente"

Ich bin verliebt. In Honduras. In Marysabel Caballero und Moises Herrera. Und in ihre Farm „El Puente“ in Marcala. Schon in dem Moment, als ich den beiden am Flughafen von Tegucigalpa gegenüberstehe, ist mir klar, dass diese Begegnung etwas ganz Besonderes ist. Ich bin das erste Mal in Honduras – Thomas und Basti waren schon ein Jahr zuvor hier. Beim Cup of Excellence 2016 durften sie als internationale Juroren die besten Kaffees des Landes verkosten und bewerten. Gleich am Tag nach der Siegerehrung hatten sie Marysabel – die Gewinnerin des Wettbewerbes – und ihren Ehemann Moises auf ihrer Farm besucht.

Mit ihrem „Geisha“ hatte das Ehepaar nicht nur den Wettbewerb für sich entschieden, sondern im Anschluss bei der Auktion atemberaubende 265 Dollar pro Kilo Rohkaffee erzielen können. Das Gewinnerlot ging wie erwartet nach Japan. Aber uns lud Marysabel ein, sie während der nächsten Ernte zu besuchen … für uns der absolute Hauptgewinn und der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft.

Es ist für die beiden selbstverständlich, dass wir bei ihnen wohnen. Bei Sonnenaufgang stehen wir auf und fahren zusammen auf ihre Farm „El Puente“. Umsäumt von hohen, schattenspendenden Pinien wird hier hauptsächlich die Varietät Red Catuai angebaut. Die Luft ist frisch und es duftet nach Jasmin und Orangenblüten. Mitten durch die bergige Landschaft schlängelt sich ein kleiner Fluss mit der Brücke, die der Farm ihren Namen gab. Moises erklärt mir, dass die Pflanzen mehr als einen Meter weit auseinanderstehen, damit es ihnen gut geht, und ihre Wurzeln genug Platz haben. Und als vorsorglicher Schutz, so dass sich Roja und andere Krankheiten nicht auf die anderen Pflanzen übertragen können. Er sammelt jede heruntergefallene Kirsche auf, entfernt abgebrochene Zweige und streichelt über die gesunden Blätter seiner Pflanzen, die vorher in der Nursery liebevoll aufgezogen wurden.

Wir fahren weiter zur Wet Mill. Auf dem Weg dorthin treffen wir eine Schulklasse mit ihrem Lehrer. Moises lehnt sich aus dem Fenster und scherzt mit einem der Kids über Fußball, denn der Junge ist Fan des Teams, das gerade verloren hat. Marysabel kann mir nicht nur die Namen aller Kinder und deren Eltern nennen, sondern auch berichten, wann und wie lange die Kinder zur Schule gehen. Sie erzählt, dass sie zwei Schulen in Marcala unterstützen und außerdem die nahe gelegene Gesundheitsklinik mit Elektrizität versorgen. Wir sprechen auch darüber, was ihre Mitarbeiter bei ihnen verdienen und dass sie alle aus der Region stammen. Marysabel ist in Marcala aufgewachsen und schon ihr Vater, Großvater und Urgroßvater waren Kaffeefarmer. Sie kennt hier jeden Baum und jeden Stein und man spürt ihre Liebe zur Natur. Vor kurzem haben Moises und sie ein paar Hektar Land dazukaufen können und sie erklärt mir, warum es so wichtig ist, behutsam mit der Natur umzugehen und diese zu erhalten, statt die Wälder zu roden.

Auch bei der Aufbereitung legen sie großen Wert auf Umweltschutz. Moises hat gerade einen modernen Coffee Pulper aufgestellt, um möglichst viel Wasser zu sparen. Das Wasser wird mehrmals verwendet und nach der Nutzung gereinigt.

Wir klettern über die Fermentationsbecken und über die riesigen Dryer, in denen die auf Patios vorgetrockneten Bohnen langsam und bei sehr niedrigen Temperaturen getrocknet werden, prüfen die Bohnen auf den African Beds und verbringen Stunden in Moises Varietäten-Garten, der von Marysabel liebevoll „Moises Garden Eden“ genannt wird. Hier baut Moises in selbstgebauten Gewächshäusern alte, fast vergessene Kaffeevarietäten an, experimentiert und erforscht die Wirkung und den Einfluss von Temperatur, Wasser, Wind, Mineralien und Böden auf seine Pflänzlinge. Durch Zufall entdecken wir zusammen orangefarbene Kaffeekirschen, die aussehen wie Pacas-Kirschen, deren dazugehörigen Blätter aber so groß sind wie bei einer Maragogype-Pflanze. Wir separieren die Früchte sofort. Später werden sie getrocknet und dann im Cupping Lab geröstet und verkostet. Der neuen Kaffee-Entdeckung gibt Moises den Namen „Annika72“.

Weiter geht es zum nächsten Hang, der voller reifer Kaffeekirschen ist. Ich bin inzwischen ganz high von all den Eindrücken und überkoffeiniiert von den vielen Kaffeekirschen namens Geisha, Red Catuai, Bourbon, Caturra, Yellow Catuai und Mocca, die ich den Tag über probiert habe. Jede Varietät schmeckt übrigens anders – so süß und köstlich – und am Ende des Tages sind meine Hosentaschen voll mit Kaffeebohnen. Auf keinen Fall dürfen diese nämlich wieder achtlos ausgespuckt werden, um zu vermeiden, dass Schädlinge angelockt werden. Ich lerne an diesem Tag so viel Neues über Kaffee, denn Moises ist ein wandelndes Kaffee-Lexikon. Er setzt auf die neueste Technik, experimentiert mit unterschiedlichen Anbaumethoden und Aufbereitungsarten und verbessert kontinuierlich die Qualität der Kaffeebohnen.

Ursprünglich kommt Moises aus Guatemala, wo er als Buchhalter bei einem Exporteur arbeitete, nach Feierabend seine Zeit im Cupping Lab verbrachte und dort seine Liebe zum Kaffee entdeckte. Anfang der 90er wurde er als Produktionsleiter von seiner Firma nach Honduras geschickt, verliebte sich in Marysabel und blieb. Seit 1996 sind die beiden verheiratet. Sie haben zwei Söhne bekommen und gleichberechtigt ihre Farm aufgebaut. Mit dem Gewinn des Cup of Excellence 2016 treten sie in die Fußstapfen von Marysabels Vaters Fabio Caballero, der bereits mehrmals den Cup of Excellence gewonnen hat und einer der großen Namen der Kaffeewelt ist. Die Eltern wohnen auf demselben Grundstück wie sie und wir verbringen nach dem Farmbesuch alle zusammen einen fröhlichen BBQ-Abend in ihrem Garten. Auch sonst endet übrigens jeder weitere Abend mit viel Wein, Bier, lustigen Geschichten und köstlichem Essen.

Essen ist neben Kaffee überhaupt ein ganz großes Thema in Honduras. Wenn wir nicht cuppen, rösten oder Kaffeekirschen probieren, essen wir. Wir müssen schließlich in kurzer Zeit alles probieren, was Honduras kulinarisch zu bieten hat. „Miracle Fruit Berries“ zum Beispiel: Nach dem Verzehr der Wunderbeeren schmeckt alles, was eigentlich sauer oder bitter ist, plötzlich ausgesprochen süß und erst Stunden später ist alles wieder „normal“. Wir kochen zusammen und lernen, wie Tortillas so schön rund werden. Und für die beste Schokolade des Landes fahren wir mal eben in fünfeinhalb Stunden 230 Kilometer von Marcala nach Copan an die guatemaltekische Grenze ins „El Lugar del Té & Chocolate“ und genießen danach in der „Hacienda San Lucas“ neben traditioneller Maya Cusine den tollen Blick über das Tal. Am nächsten Morgen schauen wir nach dem Frühstück und anschließendem Stadtrundgang die beeindruckenden Ruinas an, bevor Marysabel mit einem Affenzahn auf schlaglochreichen Serpentinen-Straßen zurück nach Marcala braust und uns nebenbei noch alles über die politische und wirtschaftliche Situation, das Gesundheitssystem, die Drogenproblematik, Kidnapping und weitere Schwierigkeiten des Landes erzählt. Unser letzter Abend in Honduras endet wieder ausgesprochen gesellig. Doch zuvor hatten wir uns nach einem weiteren Cupping für sieben Lots ihrer Bohnen entscheiden, mit denen wir einen Container für die Heimat füllen konnten.

Wieder Zuhause in Hamburg haben wir uns bald für diese besondere Gastfreundschaft revanchieren können: Im Sommer war Marysabels und Moises Sohn Ezri bei uns zu Gast – inklusive Hafenrundfahrt, Sightseeingtour, St-Pauli-Fußball-Spiel sowie Labskaus und Bauernfrühstück morgens um zwei im Erikas Eck.

Im Oktober kamen uns dann auch Marysabel und Moises selbst besuchen und wir haben mit ihnen Hamburg und seine kulinarischen Highlights erkundet. In unserer Rösterei in der Schanze verkosteten wir schließlich gemeinsam ihren „El Puente“. Er schmeckt übrigens wundervoll: nach Orange, Pfirsich und Jasminhonig und ganz viel Liebe.

 

geschrieben von Annika
CEO & Founder